
SCHWERT UND FRIEDEN, Kampf, Heilung und Spiritualtität
Warum wird eine Kampfkunst als Fahrzeug zur Einheit mit Dao (Gott) genutzt?
Tai-Ji CHUAN (Chuan – Chinesisch; Faust, Kampfkunst)
Das Martialische Prinzip dient als Katalysator für die spirituelle Praxis.
Das Grundprinzip der Inneren Kampfkunst (in dem Falle Tai-Ji Chuan) ist dasselbe wie das der gesamten (daoistischen) spirituellen Praxis, das Licht nach innen zu wenden.
Die Kampfkunst macht diese Vorgänge konkret erfahrbar.
KRIEG GEGEN DAS DUNKLE
Das Gewaltpotential und der spirituelle Weg scheinen Gegensätze zu sein. Ohne die Vereinigung dieser Gegensätze stagniert der innere Prozess. Es wäre wie einen Motor so zu versiegeln, dass der Treibstoff nicht hineingelangen kann.
Das Unterdrücken des Gewaltpotentials im Menschen erfordert selbst Gewalt. Es bedeutet, dass der als licht und gut angesehene Teil des Menschen gegen den als dunkel und böse angesehenen Krieg führt. Ein Zwiespalt, der nicht nur tiefere Einheit und damit spirituelle Arbeit unmöglich macht, sondern ein gesundes und glückliches Leben verhindert. Der dunkle, schreckliche Anteil ist nur schrecklich, und zerstörerisch solange er unterdrückt ist. Ein Sprengsatz wird erst dadurch zu einem Sprengsatz, dass seine Sprengkraft mit maximalem Druck zurückgehalten werden will. Daraus folgt, dass Verherrlichung, das Ausbrechen und Ausleben von Gewalt die andere Seite und notwendige Folge der Unterdrückung dieser ist.
Es geht nicht um die Spiegelkonstruktion des Auslebens oder Abspaltens, sondern um eine dritte Position, das Licht nach innen zu wenden, das Dunkle mit Gewahrsein zu durchwirken. Dann werden die scheinbaren Gegensätze zu einer Einheit, die mehr ist als ihre Addition, eine völlig neue Qualität entsteht. Ein Dämon, der benannt wurde, der in das Licht gerät, verliert er seine parasitäre Kraft, die Energie wird befreit. (Das Bardo Thödol beschreibt den Vorgang präzise.) Wird nicht dagegen gegangen und nicht weggegangen, ist das Dunkle, die Yin-Kraft, (Kali, Ishtar) nährend und lässt den Baum in den Himmel wachsen. Der Weg dahin kann vielfältig sein.
Während des Prozesses zu dieser tieferen Integration und Transformation sollten destruktive Impulse selbstverständlich mit Moral (De) in Schach gehalten, doch nicht aus dem Bewusstsein verdrängt werden.
FALSCHER FRIEDEN
Wenn das Gewaltpotential abgespalten wird, entsteht Angst. Die eigene Aggression wird auf das Außen übertragen, während im Inneren eine oft unbewusste Vorstellung von Hilflosigkeit herrscht, da die Fähigkeit, sich und die eigenen Grenzen zu verteidigen, abgespalten ist. Das Potential der Aggression wird mit ausgeübter Gewalt, mit echter Bedrohung verwechselt. Das hat traumatische, meist bindungstraumatische Ursachen, auf persönlicher und kollektiver Ebene. (Mehr dazu im Essay „Broken Sword“) Die Unterdrückung und die Angst erzeugen Anspannung und Zwiespalt im eigenen Inneren, das Nervensystem befindet sich permanent im Überlebensmodus. Es wird versucht einen Frieden aufrecht zu halten, in dem nichts, das auch nur im entferntesten an das Gewaltpotential erinnert, seinen Kopf heben darf, denn das würde erst die Hilflosigkeit und dann die (unbewusst) dahinter aufgestaute Wut auslösen. Auf der anderen Seite ist dieser falsche Frieden unaushaltbar, da der innere Druck stetig steigt. Es wird nach Situationen und Menschen gesucht, auf die die Bedrohung projiziert werden kann, damit der innere Druck gegen dieses Außen abgelassen werden kann.
Integration der Aggression (lat.: aggredi – auf etwas zugehen) ist notwendig für jene Qualitäten, die ein erfülltes Leben bestimmen, Mut, Ausgelassenheit, Liebe, Freude, Humor, Lust und andere. Diese Qualitäten erinnern besonders an die eigene Abspaltung, an das eigene verhinderte Leben und wirken wie Funken auf Schießpulver. Tauchen die genannten Qualitäten auf, darf auf die scheinbare Bedrohung reagiert werden, dann darf etwas Dampf abgelassen, sprich Aggression, zumindest passiv, ausgeübt werden. Diese ausagierte Aggression wird das Gegenüber zu einer Grenzsetzung zwingen. Das wird als noch größere Bedrohung, als Angriff gesehen, da die eigene ausagierte Agression nicht als diese wahrgenommen wird. Dann darf der Kessel, als Reaktion darauf, endlich explodieren, der aufgestaute Druck sich für eine Weile lösen. Der scheinbar friedliche Mensch wird zum Täter, er tut das, was er auf das Gegenüber projiziert hatte. Früher oder später entstehen Kampf und Krieg. Wenn Krieg in der Welt ist, erscheint die Welt dem Menschen, der mit sich selbst im Krieg steht, als kohärent.
Das Unterdrücken der Gefühle der Wut und des Gewaltpotentials erzeugt nicht nur Angst, Konflikt und ein unkontrolliertes Explodieren von Gewalt, sondern auch physische und psychische Krankheit. Die gärenden Inhalte eines unterdrückten Lebens können auch implodieren, bzw. langsam vergiften. Ist das Dunkle abgetrennt, kann das Leben nicht genährt werden, dem Baum fehlt die Erde, dem Tag die Nacht.
Ist das Gewaltpotential unterdrückt, ist Frieden unaushaltbar, alles was zeitweilig möglich ist, ist eine graue tote Unterdrückung, eine grausame Imitation von Frieden. Diese krank machende Unterdrückung wird auch von der Umgebung gefordert, denn alles andere wird als Bedrohung interpretiert. Ein solcher toter Frieden schlägt immer in Krieg um. Unsere derzeitige Vorstellung von Frieden kommt diesem toten Frieden leider näher als echtem Frieden.
GEFAHR UND MECHANISMUS VERZERRTER SPIRITUELLER PRAXIS
Oft wird Meditation und Spiritualität von Menschen, die in diesem inneren Krieg stehen, als anziehend empfunden, da sie Frieden, Entspannung und Macht versprechen. Ein Nervensystem und Körper in permanenter Hochspannung kann nicht meditieren. Die falsch praktizierte Meditation ist nicht einfach wirkungslos, sondern führt zu einer Beschleunigung und Vergrößerung der Symptome. Die Praxis wird dann wie totes Holz, zu einer Verstärkung der Abspaltung, die bereits stattfindet und wird somit als kohärent wahrgenommen. Der Mechanismus der Abspaltung und Unterdrückung (des traumabedingten Überlebensprogrammes) wird durch die falsche Meditationspraxis zu einem Heilsweg erhoben, der aus dem Leiden, das durch diese Abspaltung generiert wird, herausführen soll. Die Praxis ist dann ein Circulus vitiosus, eine sich verstärkende Dissoziation, eine Flucht in einen vorgestellten Raum von Leere, von Frieden, oder eine Visualisierung von Zuständen und Visionen, die das Nervensystem überstimulieren und überladen, während die unerwünschten Inhalte mit verstärktem Druck noch tiefer gedrückt werden. Die Rückmeldung über den Abweg erfolgt, ohne Hilfe von außen, oft zu spät, dann wenn die verdrängten Inhalte explodieren. Eine psychotische Episode oder anderweitige Krankheit ist oft die Folge.
(Es ist meist schwer, Menschen, die falscher oder verzerrter Praxis nachgehen, zu helfen, selbst wenn sie nach Hilfe suchen, denn sie sind verständlicherweise extrem mit der irrigen Methode identifiziert. Es gibt eine Unzahl von spirituellen Gruppen, die kollektiv dissoziieren, imaginieren etc., sich gegenseitig in ihrem Irrtum bestärkend.)
SI VIS PACEM PARA BELLUM
Von Angst und Lähmung kann nicht zu einem meditativen Beinhalten von Wut oder zu echter Meditation und Frieden gesprungen werden, der Abstand ist zu groß. Wenn das Nervensystem hoch aktiviert und im Überlebensmodus ist, kann meditative Praxis nicht geschehen. Bevor Meditation möglich ist, muss das rohe Gewaltpotential in das martialische Prinzip transformiert werden. Es bedeutet Wut nicht zu unterdrücken, sondern bewusst zu kanalisieren, Gewalt effizient und präzise anwenden zu können. Dadurch wird klar, dass die wahrgenommene Hilflosigkeit nicht wahr ist, dass man sich schützen kann. Die Angst lässt nach. Mut kann kultiviert werden und die Fähigkeit zur spiritueller Praxis rückt näher. In einem scharfen Kampf entspricht diese Stufe der Integration der Bereitschaft, mit Tod und Verwundung zu rechnen und trotzdem zu kämpfen.
An diesem Punkt wird klar, dass es noch einen weiteren Schritt gibt. Aus sich selbst heraus zu sterben. Damit ist weder Selbstmord gemeint, noch unterhalb des Lebens zu sinken und jegliches Gefühl vom Körper ab zu spalten, zu einem Psychopathen zu werden, sondern der Sprung in das Jenseits des Lebens, in die Intensität der vollen Meditation, der vollen Hingabe, in der der Mensch erlischt.
Dieses Jenseits (ta metá ta physiká) ist nicht von diesem abgespalten, sondern beinhaltet auch das Leben. Alles findet in dem einen Bewusstsein statt.
Werden die Impulse des Nervensystems, Gefühle, Zustände, und Gedanken zumindest im Gewahrsein beinhaltet, wenn nicht sogar in Meditation transzendiert, so dass das Gewahrsein klar, der Körper durchlässig sein kann, entsteht Qi. Und nur dann entwickeln sich die besonderen Fähigkeiten der Inneren Kampfkünste und wird die Kampfkunst zu Innerer Kampfkunst. Diese Fähigkeiten, die einen Vorteil im Kampf bieten, sind einerseits unwichtiges Nebenprodukt, andererseits Maßstab für korrekte Praxis.
Auf Bildern des europäischen Mittelalters sind Ritter zu sehen, die sich mit friedlichen Gesichtern mitten in einer blutigen Schlacht befinden. Sie wissen, dass der, der schon gestorben ist, nicht getötet werden kann. Dass der heftigste Kampf in tiefen Frieden leitet und wiederum der tiefste Friede dem sicheren Tod entspricht. Yin wird in seinem Extrem zu Yang und umgekehrt. Werden Yin und Yang harmonisiert, sprich erkennt das Gewahrsein, dass es weder Yin noch Yang ist, sondern über diese hinausreicht, entsteht ein Drittes, Verwirklichung.
Ist das erreicht, ist Frieden nicht mehr die Notwendigkeit einer gestörten Existenz. Die Qualität im Menschen ist dann friedlich, jenseits von Konzepten.
INNERE KAMPFKUNST ALS ABSICHERUNG UND KORREKTIV SPIRITUELLER PRAXIS
Tai Ji Chuan (Innere Kampfkunst) nutzt die extremem Yin-Yang Differentiale, die extremen Pole, zum Beispiel von Kampf und Frieden, höchster Aktivität, und Stille, hoher Anspannung und vollkommenen Loslassens, die der martialische Rahmen bietet, da sie einerseits klar erfahrbar sind und dennoch hoch in das Metaphysische leiten, andererseits weil sie eine hohe Spannung erzeugen. Werden die Extreme harmonisiert, setzt diese Spannung viel Energie frei, die nicht nur für die martialische Anwendung unerlässlich ist, sondern auch der spirituellen Praxis Treibstoff gibt.
Kampf bedeutet in der Praxis meist eine Übungssituation mit einem Partner, der kontrollierte Gewalt auf den anderen ausübt. Das Spektrum reicht von kooperativen Partnerübungen, etwas Druck, ein Festhalten oder Ähnlichem bis hin zu einem Übungskampf (Sparring). Die (Übungs-)Kampfsituation bietet eine konkrete Erfahrbarkeit der Coincidentia Oppositorum. Sie fungiert als archetypische Stresssituation. Von dort kann auf andere Situationen des Lebens übertragen werden. Wird die Aggression unterdrückt, verspannt sich der Körper, der Partner wird einen überwinden, wird man von der Wut mitgerissen, verspannt sich der Körper, und die Rückmeldung durch den Partner geschieht wieder sofort. Es geht darum weder dagegen zu gehen, noch weg zu gehen. In ihrer höchsten Form ist die Partnerübung Meditation in Aktion.
Die Konkretheit des martialischen Rahmens durchwirkt die Struktur und die Übungen der Innere Kampfkunst, Tai Ji Chuan (Nei Jia).
Allein schon da, in der nahen Vergangenheit, ein Abweichen von korrekter Praxis Verwundung oder Tod bedeutete.
Die Einzelübungen, ob in einem Raum mit anderen oder allein, bilden den Hauptteil der Praxis. Durch die regelmäßige klare Rückmeldung im Partnertraining kann der Grad der Verwirklichung abgemessen werden, können Fehler erkannt und dann in der solitären Praxis korrigiert werden.
Auch die solitären Übungen, wie Nei Gong, Zhan Zhuang und andere, wurden so konzipiert, dass bei korrekter Praxis intensive Reaktionen im Körper entstehen. Dadurch gibt es eine deutliche Rückmeldung, die eine Absicherung vor den Gefahren falscher Praxis bietet. Zudem geschieht durch das Verkörperlichen der (spirituellen) Prinzipien eine starke Erdung, die jeglicher Dissoziation entgegenwirkt und bei der Beinhaltung von traumatischen Inhalten helfen kann, durch Ausleiten (neurogenes Zittern) und andere Mechanismen (dazu mehr im Essay „Broken Sword“).
Auf diese Weise bietet Tai Ji Chuan und Innere Kampfkunst generell eine sichere Treppe mit nicht zu hohen Stufen durch die notwendigen Schritte von der Unterdrückung der scheinbar dunklen Anteile (Trauma) zu Kanalisierung und Kontrolle, zu Beinhaltung, Nichtgreifen, zu Hingabe, Meditation und Transformation. Der kriegerische Zusammenhang führt, in der Spiegelkonstruktion der Sprache paradox erscheinender Weise, zu einem sichereren und sanfteren Herangeleitet werden an die Meditation. Tai Ji Chuan (Nei Jia) ist von Anfang an als spiritueller Pfad gedacht. Egal ob wir den Beginn bei Zhang San-Feng oder früher verorten, es handelt sich jedesmal um verwirklichte Meister, die einen Weg suchten den spirituellen Weg begehbarer zu machen, nicht einfach nur stärker zuschlagen zu können. Sie erkannten, dass das Martialische ein hervorragender Rahmen und Einstieg für den Weg ist. Die kämpferische Fähigkeit ist Nebeneffekt und gerade deshalb wirksam.
(Viele wählen die Praxis der Innere Kampfkunst, um physisch und psychisch gesünder und ganzer zu werden, und als effizientes Fahrzeug zu spiritueller Einheit. Sie sind an Kampf nicht interessiert. Natürlich gibt es in meiner Schule auch Menschen, die Innere Kunst, Qi Gong, Nei Gong etc. lernen, ohne jegliches Kampftraining zu üben. Es gibt keinen Zwang zum Sparring oder martialischer Partnerübung. Die Möglichkeit besteht. )
Márton Nagy, Berlin 2025