DAS GLEICHNIS DES NEUGESCHMIEDETEN SCHWERTES
Das Schwert schneidet plötzlich. Vorher aber musste das Schwert geschärft, und geschmiedet werden, die Esse befeuert, die nötigen Zutaten, das Metall, das Brennmaterial bereitgestellt, und davor die Schmiede gebaut werden. Ohne Esse und Blasebalg, kein Feuer, das heiß genug ist, ohne jenes kein Schmieden, kein Schwert. Die Schmiede ist der Körper, die Esse ist das Dan Tien und das sich verdichtende Gewahrsein, der Blasebalg der Atem, die Zutaten sind das Gewahrsein, der Körper und Hingabe, das Schmieden ist die Praxis selbst, das Schwert ist der transformierte Mensch. In späteren Stadien der Praxis können die Bedeutungen der Gleichnisse sich ändern. Der Mensch im Durchschnittszustand in dieser Welt und Zeit hat das Potential des Schwertes, das Metall ist vorhanden, in Stücke gebrochen und ungenügend verarbeitet. Alle spirituellen Lehren formulieren diese Grundgebrochenheit, im Christentum ist es die Erbsünde. Es braucht Praxis, um das Potential zu verwirklichen.
Im „Geheimnis der goldenen Blüte“ steht, dass das Licht sich nach Innen richtet. Das Innen ist zuerst der Körper. Durch das nach innen wenden des Gewahrseins, verändert sich nicht nur die Wahrnehmung sondern auch der physische Körper wird transformiert (Yi Jin Jing). Der Körper ist der Teil der Welt, der uns am nächsten ist. Alles, was ist, ist im Gewahrsein, auch der Körper ist eine Erscheinung innerhalb des Gewahrseins. Das Licht wendet sich nach innen, es füllt den Körper, der selber Gewahrsein ist. Hier liegt das Potential für Einheit, für Samadhi und mehr.
Wenn Gewahrsein den Körper füllt, erscheint der Körper wie in Stücken, uneins, wenn es den Geist umfasst, erscheint er als zersplittert, die Gefühle erscheinen durcheinander, stumpf oder überwältigend. Die Erkenntnis, sogar Erfahrung der Gebrochenheit ist notwendiger Ausgangspunkt und bereits erste Errungenschaft. Von Leiden (Verdrängung) zu Heilung, kann nicht gesprungen werden, das Gewahrsein muss zuerst die gebrochene Form, Körper, Gefühl (Seele) und Geist (Jing, Qi und Shen) durchwirken können. Dies ist kein gedanklicher Akt, sondern eine konkrete physisch anstrengende Praxis.
Es ist ein Schmieden. Das Gewahrsein ist das Feuer, die Praxis die Hammerschläge. Und doch ist der Prozess selbst kein Akt der Absicht und des Willens, sondern des Gewahrseins und letztlich der Hingabe. Der Wille wird gebraucht, um überhaupt zu praktizieren, in der Praxis selbst geht es um Gewahrsein und ein Ablassen von Absichten, von Intentionen. Je besser das gelingt, desto heißer brennt das Feuer, desto tiefer die Transformation, umso feiner die Schichten des vielgefalteten Stahls.
Der Körper wird offen und dicht zugleich, das Gefühl still und intensiv, der Geist klar und schneidend. Sie durchwirken einander. Der stille Geist in einem bereiteten Körper (Jing – Körper, bzw rohe, bereits vorhandene Energie) erzeugt Qi („Energie“, die erst durch die Praxis entsteht), das Qi wandelt sich mit zunehmendem Einssein in Shen („Geist“). Qi und Shen wirken wiederum in den Körper und verwandeln ihn weiter. Das ist das Schmieden des Schwertes. Hier ist das Schwert das, was die Schichten des Seins durchdringt, das Tai-Ji (Weltachse, Weltenbaum) und sie hält.
Ist das Schwert geschmiedet, ist der Mensch auch Gefäß, bereit auf zu nehmen, was jenseits von Willensanstrengung und Praxis ist. Bis hierhin leitet die Praxis, nicht weiter, jede Spur einer Absicht würde wegleiten von der Möglichkeit der Unio Mystica, in anderen Worten von Gott, von der Gnade.
MYTHOLOGISCHE BEDEUTUNG
Als Symbol erscheint das neu zu schmiedende Schwert in verschiedenen Mythologien und Sagen, noch häufiger der Mensch selbst, der erst stirbt und oft sogar in Stücke geschnitten wird, wie Dionysos, oder der „Sohn des weißen Pferdes“ (ungarische Sage), um dann wieder neu in das Leben zu erwachen, mit verfielfachter Kraft. Am besten bekannt ist wahrscheinlich J.R.R. Tolkiens Benutzung des Neuschmiedens des Schwertes Elendil in seinem Roman „Der Herr der Ringe“. Das Neuschmieden des Schwertes Elendil geht einher mit dem Erwachen Aragorns zu seinem eigentlichen königlichen Wesen, nachdem er viele Jahrzehnte der Entbehrung, Einsamkeit und schwerer Arbeit (Praxis)in Wäldern und Bergen durchlebt hatte. Sobald das Schwert geschmiedet ist, muss auch er durch das Reich der Toten gehen. Das Bild des Mensch und des Schwertes sind miteinander verwirkt. (weiterführend: „Warum Schwert und Kampf?“)
Márton Nagy, Berlin 2025